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"…und dann tanzen die Orthodoxen auf einmal im Gottesdienst"
- Jüdisches Leben in Berlin birgt viele Überraschungen.
Berlin war bis zum Krieg eines der großen geistigen Zentren jüdischen Lebens in Europa. Wichtige theologische und kulturelle Impulse gingen von hier aus. Die erste Rabbinerin weltweit wurde vor dem Krieg in Berlin ordiniert. Die Theologin Regina Jonas hatte sich das Recht der Ordination im Jahr 1936 erkämpft, lange vor ihren christlichen Kolleginnen. Heute erinnert ein lebensgroßes Foto an ihrem Wohnhaus an die mutige jüdische Theologin, 1942 wurde sie ermordet.
Inzwischen kommen junge Jüdinnen und Juden aus aller Welt wieder nach Berlin, um sich am liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam zur Rabbinerin, zum Rabbiner ausbilden zu lassen. Isak Aasvestad, einer der Studenten, erklärt uns, dass die Studierenden schon während des Studiums eigenständig Gemeindedienst versehen, außerdem steht parallel ein Master in Jüdischen Studien auf dem Programm. Noch zwei weitere Rabbinerseminare haben sich neben dem liberalen Abraham-Geiger-Kolleg in den letzten Jahren in Berlin angesiedelt.
Drei Synagogen – drei Richtungen des Judentums
Die Vielfalt des religiösen jüdischen Lebens begegnet uns in drei Berliner Synagogen. Ehe wir dort Zutritt bekommen, müssen wir strenge Sicherheitskontrollen passieren. Es gibt längst noch keine Normalität im jüdischen Leben in Deutschland, das ist unsere erste Erfahrung. Umso mehr berührt uns die freundliche Offenheit der Rabbiner. Hinter den Sicherheitsschranken geben sie uns bereitwillig Einblick in ihre Praxis. Der orthodoxe Rabbiner Ehrenberg in der Joachimsthaler Straße erklärt uns seine Religion mit lässigem Humor und einer verschmitzten Liebenswürdigkeit. Man nimmt ihm ab, dass er ganz aus dem Gesetz Gottes lebt und alles hieran misst. Gleichzeitig ist er Realist und sagt über die Gesetzestreue seiner Gemeindeglieder: „Die wünschen sich einen Rabbiner, der die Gesetze hält.“ Wie er im Alltäglichen das Heilige sucht, hat Überzeugungskraft. Bei der Frauenfrage kommen wir mit ihm allerdings nicht weiter. Unkompliziert ist er dagegen mit seinen Torarollen, die er vor uns ausbreitet und uns ganz aus der Nähe zeigt. Eine denkwürdige Begegnung. Wir sind geistlich bereichert, gleichzeitig sind Vorurteile und Bilder durcheinandergeraten.
In der Oranienburgerstraße treffen wir als nächstes Rabbiner Nils Ederberg. Seine Frau Geza leitet als Rabbinerin die Gemeinde des egalitären Minjan, einer Gemeinde, in der Männer und Frauen gleichberechtigt beten. Emanzipation bedeutet hier nicht nur gleiche Rechte, sondern auch gleiche Pflichten: Während sonst einige Gesetze nur von Männern zu befolgen sind, gibt es in dieser Gemeinde für Frauen keine Ausnahmen. Rabbinerin Geza Ederberg trägt ganz selbstverständlich eine Kippa. Wir sehen sie kurz, wie sie zwischen zwei Terminen schnell auf dem Gelände Synagoge vorbeischaut, abends muss sie noch den Elternabend in der Kita leiten. Ihr Alltag ähnelt offenbar dem in einem evangelischen Gemeindepfarramt. Während uns ihr Mann das Gelände erklärt, laufen zahlreiche Schulkinder an uns vorbei, eine der jüdischen Schulen hat hier ihre Sporthalle. Die Gemeinde versammelt sich in einem kleinen Synagogenraum im Gebäude der großen ehemaligen Synagoge in der Oranienburgerstraße. Früher bot sie Platz für 3000 Menschen. Heute steht nur noch der prächtige Vorderteil, der neben der Synagoge des egalitären Minjan auch das Centrum Judaicum beherbergt.
Von Rabbiner Ederberg erfahren wir, dass sich die jüdischen Gemeinden in Deutschland ähnlich wie die Kirchen mit dem Phänomen der Säkularisierung und mit der Frage der Mitgliederbindung auseinandersetzen. Für seine eigene Prägung, die Masorti oder auch konservative Richtung, gilt, den Alltag so weit als möglich von der Tradition bestimmen zu lassen.
Gleichberechtigung wird auch in der Synagoge Sukkat-Schalom praktiziert. Hier ist sie Ausdruck einer liberalen Auslegung der Gesetze. Der Rabbiner Professor Andreas Nachama, im Hauptberuf Leiter der Gedenkstätte "Topographie des Terrors", verbindet in seiner Person den liberalen Geist mit einer lebendigen jüdischen Religiosität.
Viele Bücher über das Judentum und Gebetsbücher für den liturgischen Gebrauch hat er geschrieben. Er ist ein wichtiger Gestalter des liberalen Judentums in Deutschland. Ein Brückenbauer in die nicht-jüdische Gesellschaft ist Nachama auch, als jüdischer Vorsitzender im Koordinierungsrat des jüdisch-christlichen Dialogs, als Mitglied im Ratschlag für Demokratie und als jüdischer Vertreter im House of One.
Drei Religionen - ein Haus
Das House of One ist die nächste Station unserer jüdischen Erkundungen in Berlin. Wir sind verabredet mit Pfarrer Gregor Hohberg. Unter seiner Federführung hat die evangelische Marienkirchengemeinde das Projekt "House of One" ins Leben gerufen. In naher Zukunft soll es als jüdisch-christlich-islamisches Bet- und Lehrhaus auf den Grundmauern der ältesten Kirche Berlins entstehen. Gebaut wird nach dem Siegerentwurf aus einem internationalen Architektenwettbewerb. Jede der drei Religionen bekommt ihren eigenen Raum, verbunden durch einen gemeinsamen Ort in der Mitte. 7,5 Mio. Euro wurden dafür bereits gesammelt. Ob das House of One zum friedlichen Miteinander der Religionen in der Hauptstadt beitragen wird? Bislang hat es vor allem eine symbolische Bedeutung - und ein großes internationales Echo.
Dialog
Den jüdisch-christlichen Dialog lernen wir aus zwei Perspektiven kennen, einer jüdischen und einer christlichen. Die jüdische Perspektive begegnet uns in Professor Micha Brumlik.
Als langjähriges Mitglied im Vorstand der AG Juden und Christen beim Kirchentag ist er einer der großen Vermittler im jüdisch-christlichen Gespräch in Deutschland. Von ihm haben wir gelernt, die jüdische und die christliche Religion als Geschwister zu verstehen: Beide sind sie aus der Tradition der hebräischen Bibel, unserem Alten Testament, in den ersten beiden nachchristlichen Jahrhundert entstanden. Es könnte sich lohnen, Neues Testament und Mischna nebeneinander zu lesen, auch für das Verstehen des Neuen Testaments.
Die evangelische Kirche hat sich nach dem Krieg schwergetan, sich für den Dialog mit der jüdischen Religion zu öffnen und die verheerenden Fehler in der eigenen Theologie einzugestehen. Wie lang und beschwerlich dieser Weg war, davon konnten Ingrid Schmidt und Helmut Ruppel viele Geschichten erzählen. Sie gehören zu den Pionieren des jüdisch-christlichen Dialogs in Deutschland. Unermüdlich setzen sie sich in der Kirche und im christlichen Religionsunterricht dafür ein.
Noch heute, im hohen Alter, ziehen sie mit ihrem Anliegen durch die Lande. Gerade haben sie eine Ausstellung über "Luther und die Juden" auf die Reise geschickt. Ihre Geschichte zeigt uns aber auch, wie viel inzwischen erreicht wurde, wie sich die Kirche doch noch bewegt hat. Zwei Beschlüsse der EKD-Synode zum Thema Juden und Christen aus den Jahren 2015 und 2016 sind ein erfreuliches, aber auch überfälliges Zeugnis dieser Entwicklung.
Schwere Themen - mutig angepackt
Einem schwierigen Thema können wir nicht ausweichen, wenn wir uns in Berlin mit dem jüdischen Leben in Deutschland befassen: dem Antisemitismus. Wir versuchen ein differenziertes Bild zu bekommen und fragen nach Mitteln und Wegen gegen den Judenhass. Mit diesem Anliegen sind wir bei KIgA an der richtigen Adresse. Die "Kreuzberger Initiative gegen Antisemtimus" wurde von einem jungen multi-religiösen Team ins Leben gerufen. KIgA entwickelt Konzepte für die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern. Wie man Jugendliche dafür gewinnen kann, sich kritisch mit antisemitischen Klischees auseinander zu setzen und rassistische Positionen hinter sich zu lassen, dafür entwickelt die Initiative Konzepte. KIgA nimmt die Jugendlichen mit ihren eigenen Erfahrungen von Abwertung und Ausgrenzung ernst und versucht sie über dieses Erleben für die Probleme des Rassismus zu öffnen. Auf Anfrage kommt das KIgA-Team in Schulen oder bietet Workshops für Lehrerinnen und Lehrer an.
Am Abend nach dieser Begegnung sitzen wir bei Feinberg’s, einem israelischen Restaurant im Zentrum Berlins. Dass der Inhaber vor nicht allzu langer Zeit vor seinem Lokal von einem Rechten massiv verbal attackiert wurde, haben wir bei KIgA erfahren. Dass er trotzdem bleibt und sich freundlich als Gastgeber in der Hauptstadt zeigt, stimmt uns hoffnungsvoll.
Feiern und leben
Was wäre die Woche in Berlin gewesen ohne den Gottesdienstbesuch in einer Synagoge? Wir teilen uns auf und erleben am Freitagabend die ganze Bandbreite jüdischer Gottesdienstkultur in Berlin - in den Synagogen in der Pestalozzistraße, am Fraenkelufer in Kreuzberg, in der Rykestraße im Szeneviertel Prenzlauer Berg, in der Synagoge Sukkat Shalom und schließlich in der orthodoxen Gemeinde in der Joachimsthaler Straße. Wir erleben gut ausgebildete Kantorinnen und Kantoren, Chöre und Orgelmusik, 7-minütige Predigten. Wir dürfen mittanzen, wenn es die Orthodoxen von den Stühlen reißt, auch die Frauen im abgetrennten Bereich. Und in allen Synagogen werden wir am Ende des Gottesdienstes mit Händedruck und einem freundlichen Shabbat-Shalom in den Abend geschickt.
Erfüllt und mit zahlreichen Eindrücken fahre ich von Berlin zurück nach Kassel. Während der Zugfahrt versuche ich zu sortieren, was ich erlebt habe. Ganz oben steht für mich die Erfahrung, dass jüdisches Leben in seiner ganzen Vielfalt in Berlin anzutreffen ist und sich wie selbstverständlich in den Alltag der Großstadt einfügt - allen Anfeindungen, allen notwendigen Sicherungsmaßnahmen zum Trotz. In Berlin ist mir bewusst geworden, wie wenig die jüdische Religion in meiner Ausbildung vorkam - und was mir dadurch entgangen ist, auch für mein Verstehen der eigenen Tradition. Vielleicht zeigt sich bei aller Differenz mehr Verbindendes als wir gemeinhin denken. Ich habe wahrgenommen, dass unsere jüdischen Gesprächspartner die wichtigen Korrekturen einer antijüdischen Theologie innerhalb der EKD freundlich und wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Ich weiß aber, dass diese korrigierten Einsichten längst noch nicht Teil eines protestantischen Selbstverständnisses geworden sind. Aus Berlin nehme ich für mich den Impuls mit, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass sie das werden können.
Dr. Ursel Wicke-Reuter