Nachlese zu einer Studienfahrt in das Waldensertal

Dass der Weg das Ziel sei, ist mehr als nur eine Glückskeks-Weisheit:
Der Weg ist ein besonderer „Ort“, zumal der Weg auf und in den Bergen.

Davon konnten sich vierzehn Pfarrerinnen und Pfarrer, sowie eine Prädikantin beim Pastoralkolleg „Wendepunkte auf dem Weg“ vom 10. bis 15. September 2018 überzeugen.

Das Besondere an diesem Pastoralkolleg war der Ort: Nicht auf dem Hohen Meißner, dem Rothaargebirge oder der Rhön wurden diese Erfahrungen gesammelt, sondern in den Cottischen Alpen. Was für Alpen? Cottische Alpen: eine Gebirgsgruppe der Westalpen, im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich. Unsere Reise führte uns in den italienischen Teil der Region Piemont.

So wurde schon die Anreise zur Weg-Erfahrung. Unsere gemeinsame Unterkunft war eine besondere Herberge: Inmitten jahrhundertealter Kastanien („castagneto“), umgeben von Gebirgsbächen und Wiesen des Val Pellice waren wir in einem internationalen ökumenischen Begegnungszentrum untergebracht. Der Betrieb besteht seit über fünfzig Jahren und wir waren Teil des geistlichen Lebens des Hauses, zu dem schon der deutsche Theologe Ernst Lange verwandtschaftliche Bande hatte, wie wir erfuhren. Wenn man in Italien weilt, spielt das „süße Leben“ selbstverständlich eine Rolle. Daher waren die Mahlzeiten ein echter Gaumenschmaus.

Die geistige Nahrungsaufnahme war es genauso. Die Leitung lag in den Händen von Studienleiter Pfarrer Dietrich Hannes Eibach und von Prof. Dr. Gerhard Marcel Martin. Dass beide schon viele Jahre zusammen mit Gruppen arbeiten, war schnell deutlich und einer von vielen Glücksfällen.

Die „Wendepunkte“ erlebten wir auch durch geschichtliche Bezüge: Ausflüge in das abgeschiedene Angrogna-Tal brachten uns mit der Geschichte der Waldenser in Kontakt. Wir wanderten auf den Wegen, die viele Jahrhunderte vor uns die „Barben“ beschritten hatten. Die „Barben“ (die Bezeichnung bedeutet „Onkel“ im Okzitanischen) waren im 15. Jahrhundert die Verantwortlichen der Waldenserbewegung. Sie waren zu zweit auf bestimmten Reiserouten unterwegs, um heimlich die Gruppen der Gläubigen zu besuchen. Dafür verkleideten sie sich als Händler oder Pilger. Die Ausbildung der Barben fand laut mittelalterlichen Dokumenten in einer abgelegenen „Schola“, also einer Ausbildungsstätte statt. Die genaue Lage war lange unbekannt. Anfang des 19. Jahrhunderts fand man die Barbenschule („Collegio dei barba“) oberhalb von Pra del Torno. Heute sind die Steinhäuser frei zugänglich. Beeindruckend ist die Kargheit und Schlichtheit des kleinen Häuserensembles. Eine weitere Station war die „Höhle des Glaubens“ („Gueiza d´la tana“). Es ist unwahrscheinlich, dass die Waldenser einen so gefährlichen Ort für ihre Versammlungen wählten, wäre er doch bei einem Angriff zur ausweglosen Falle geworden. Dennoch wurde er in der lokalen Tradition zu einem Narrativ, vielleicht, weil die Faszination des Ortes stärker war als die Historie. Eine dritter Halt war der Besuch im „Museum der waldensischen Frauen“ in der Ortschaft Serre: Hier wurde 2007 ein von Frauen initiiertes Projekt verwirklicht. Anhand von Lebensläufen von Frauen wird die Geschichte der Waldenser vom Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts erzählt.

Inmitten dieser kulturellen Umgebung und Landschaft fiel es umso leichter, die biblischen Geschichten von Gottesbegegnungen zum Klingen und Spielen zu bringen. Wir beschäftigten uns mit der Berufung des Mose und mit Elia, zwei zentralen biblischen Persönlichkeiten. Wir erschöpften uns nicht nur in der Textarbeit, sondern wurden durch Übungen mit dem eigenen Körper sensibler für die Gottesbegegnungen der alttestamentlichen Überlieferungen.

Für viele von uns waren die körperbezogenen Textzugänge spannende Herausforderungen. Dabei profitierten wir von der Bibliodrama-Arbeit mit Prof. Martin, die es uns ermöglichte, die Bibeltexte zu erspielen. Aufgrund des hermeneutischen Zugangs war es mehr als nur „Theaterspielen“, sondern wurde auch zur Auseinandersetzung mit den eigenen Gottesbegegnungen und –bildern.

Die wohltuende kollegiale Atmosphäre war eine weitere intensive Erfahrung, die einer Belastungsprobe Stand halten musste, weil sich eine kleine wander-wagemutige Gruppe ein Tagesziel gesetzt hatte, das erreicht werden wollte. Es wurde zwar niemals gefährlich, aber das Zu-Spät-Kommen lässt sich im Berg nicht mal eben per WhatsApp mitteilen, so dass die Sorgen aufgrund der Abwesenheit wuchsen. Es ging alles gut und beim gemeinsamen Abendessen im Schatten der Kastanien wurden die Erlebnisse der beiden Seiten ausgetauscht.

Mein Fazit: Ein tolles Angebot der Landeskirche. Weitermachen!

 

 

Uwe Seibel, 29.11.2018

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