Begegnungskolleg Estland

Vom 21. bis 28.Mai 2019 fand das dritte Begegnungskolleg mit Pfarrern und Pfarrerinnen aus der estnischen Kirche in Hofgeismar statt. Thema dieses Kollegs war „Der Umgang der Kirche mit Konfessionslosen am Beispiel der Kasualpraxis“. Ein spannendes Thema, da man bei Taufen, Trauungen und Beerdigungen immer mehr auf konfessionslose Teilnehmer trifft. Doch was ist überhaupt unter dem Begriff „konfessionslos“ zu verstehen. Darüber gab Prof. Christian Grethlein von der Universität Münster Aufschluss. Vom „durchschnittlichen Konfessionslosen“ bis zum „gläubigen Konfessionslosen“ unterschied er sieben Typen der Konfessionslosigkeit, die deutlich machten, dass diese Problemfeld sehr differenziert wahrgenommen werden muss. Dabei half der Blick aus der estnischen Kirche, die durch die sowjetische Vergangenheit stark mit dem Problem der Konfessionslosigkeit konfrontiert sind. Hierüber referierte der estnische Bischof Tiit Salumae. Die Haltung der Esten war dabei sehr klar und eindeutig. Wer Ämter in der Kirche übernehmen will oder bei einer Kasualie „Pate“ stehen will, muss zuvor getauft und konfirmiert sein. Daher werden Eltern von Kindern zuvor getauft oder konfirmiert, bevor die eigenen Kinder getauft werden können .Demgegenüber arbeitet unsere Kirche von Kurhessen-Waldeck an einer neuen Taufagende, wo der „Taufzeuge“ vom „Patenamt“ unterschieden wird. Damit soll Konfessionslosen die aktive Teilnahme am Taufgeschehen auch ohne Kirchenzugehörigkeit ermöglicht werden, was einem Wunsch vieler Eltern entspricht. Darüber informierte die Teilnehmer Prof. Lutz Friedrichs, der im Auftrag der liturgischen Kammer der Landeskirche an diesem Thema mitwirkt. In Arbeitsgruppen wurden Predigten analysiert, die deutlich die Konfessionslosen ansprechen wollen. Das hierbei sehr auf den Empfänger, weniger auf die biblische Botschaft und ihre Strahlkraft geachtet wurde, fiel den estnischen Gästen auf. Am Wochenende schwärmten die Gäste in die verschiedenen Gemeinden aus und konnten an Gottesdiensten und Veranstaltungen teilnehmen und Grußworte übermitteln. Auch wurde das Grab von Burghard Lieberg auf dem Wehlheidener Friedhof in Kassel besucht, der viel für die deutsch-estnische Partnerschaft geleistet hat und den die meisten Gäste noch persönlich kannten.  Der Montag brachte danach einen regen Erfahrungsaustausch, der deutlich werden ließ, wie man voneinander lernen kann. Die Esten fanden bestimmte Gottesdienstformen z.B. in Seniorenheimen oder mit Jugendlichen sehr interessant. Die Deutschen waren von der Gelassenheit und Flexibilität der Esten im Umgang mit den Herausforderungen der Moderne sowie ihrer kreativen Bibelexegese beeindruckt. Durch die guten Deutschkenntnisse der estnischen Gäste war ein reger Austausch gewährleistet. Mit einem Blick auf notwendige Veränderungen in der Kasualpraxis beider Kirchen schloss die Begegnungswoche ab. Im kommenden Jahr soll ein Besuch von deutschen Jugendlichen aus dem Kirchenkreis Twiste-Eisenberg in Estland organisiert und so die Partnerschaft lebendig gehalten werden.

Pfarrer Gerhard Lueg, 28. Mai 2019

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